Sofia Andruchowytsch – eine der prägnantesten Stimmen der jungen ukrainischen Literatur – schuf mit Amadoka eine epochale Roman-Trilogie. Der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek bringt diese mit seinem herausragenden Ensemble Prager Schauspieler:innen auf die Bühne. Romana, Uljana und Sofia sind die Heldinnen der Geschichte. Jeder ist einzeln ein Roman gewidmet. Die Trilogie verwebt deren persönliche Schicksale miteinander und spannt den Bogen über ein ganzes Jahrhundert ukrainischer Geschichte. Amadoka ist bei Herodot ein See in Europa, mehrere Jahrhunderte lang verzeichnet in antiken und mittelalterlichen Karten, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Er ist spurlos verschwunden. Aber wie verschwinden Seen, Welten, Kulturen? Angetrieben von der Grausamkeit des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, sucht die Inszenierung nach einer Erzählung, wie systematische Auslöschung von Sein und Erinnerung wirkt. Erinnerung ist in Amadoka ein brüchiger Zustand. Sie kann verschwinden, manipuliert werden, sich verschieben, aber vor allem bleibt sie immer wirksam. Der Theaterabend entwirft eine Denk- und Gefühlsstruktur. Szenen lösen einander nicht logisch ab, sondern überlagern sich. Zeiten kippen ineinander, Figuren erscheinen als Träger von Erinnerungen, sie sind fluid und keine abgeschlossenen Charaktere. Das Theater erschließt die Trilogie in einer neuen Dimension. Sprache, Musik und Körperarbeit erzeugen einen Raum, in dem Erinnerung immer wieder neu zusammengesetzt wird und erneut zerfällt. Die Fragen, die Sofia Andruchowytsch stellt, sind keine psychologischen, sondern politische: Was bleibt von einem Menschen, wenn ihm Geschichte genommen wird? Dušan David Pařízek, bekannt für seine Theaterarbeiten in Hamburg, Wien und Zürich, inszeniert diesen Stoff bewusst in seiner Heimat. Mit dieser Koproduktion findet die im Kulturhauptstadtjahr Chemnitz 2025 begonnene Zusammenarbeit mit zahlreichen Partner:innen in der Tschechischen Republik ihre Fortsetzung. Das Ukraine-Haus Chemnitz e.V. lädt zu den Vorstellungszeiten zu Kulinarik und Musik auf den Theaterplatz ein.
Quelle: Die Theater Chemnitz