Ein dunkler, feuchter Wald, von Wasser durchzogen. Töne dringen aus der Tiefe, aus der Ferne, aus menschlichen Körpern. In Nigamon/Tunai wird die Inszenierung nicht nur betrachtet, sondern betreten. Das Publikum sitzt inmitten einer Dschungellandschaft aus Wasserflächen, Pflanzen, Schatten und Klang, umgeben von Atem, Gesang und vibrierenden Leibern. Blickachsen bieten keine Orientierung, einzig Resonanz ist wahrzunehmen.Beide Wörter im Titel des Stücks – Nigamon und Tunai – bedeuten Gesang, einmal in der Sprache der in Kanada lebenden indigenen Gemeinschaft der Anishinaabe sowie in der Sprache des indigenen Inga-Volkes Kolumbiens. Die Regisseurin Émilie Monnet stammt aus Kanada, ihre Regiekollegin Waira Nina aus Kolumbien. Ihre außergewöhnliche Klangrauminstallation macht ungehörte Stimmen hörbar: Gesänge ihrer Vorfahren, Geräusche ihrer Lebenswelt ebenso wie die schmerzhaften Kakophonien der Zerstörung durch Raubbau an natürlichen Ressourcen. Die Töne auf der Bühne verbinden diese weit voneinander entfernt liegenden Territorien, die gleichzeitig auch durch ähnliche Verwundungen wie Abholzung und die Fremdnutzung von Wasser und Boden Bezug zueinander haben, durch Gewalt, die Landschaften und Körper gleichermaßen prägt. Gesang ist in diesen indigenen Kulturen nichts, was unterhält, sondern etwas, das der Erinnerung dient. In den Gebieten der Anishinaabe in Kanada verwüsten Rohstoffkonzerne nach wie vor große Gebiete, die eigentlich allen gehören sollten und oftmals die Lebensgrundlage der indigenen Völker sind. Tausende Kilometer weiter südlich ist die Situation anders und doch gleich: Ganze Landstriche werden in Kolumbien zerstört, um Kupfer zu fördern.Dieser Abend ist mehr als ein poetisches Manifest. Monnet und Nina lassen das Publikum erleben, dass Wasser die gemeinsame Lebensgrundlage aller ist.
Quelle: Die Theater Chemnitz