Tanya Tagaq stammt aus Nunavut im Norden Kanadas. Sie ist die derzeit prägnanteste Frauenstimme indigener Kunst in Nordamerika. Und das im vollen Wortsinn: Sie ist Sängerin, sie ist Musikerin, komponiert und sie ist Autorin. Einordnen lässt sich ihre Kunst kaum. Jedes ihrer Werke hat eine Eigenheit. Als Künstlerin und Inuk engagiert sie sich für Minderheitenrechte und Gleichstellung. Ihr Schreiben, ihre Alben und Auftritte vermitteln Millionen Menschen Lebensfreude und Selbstbewusstsein.Tanya Tagaq eröffnet das Festival Theater der Welt in Chemnitz mit einem Blick in den Abgrund zwischen Zerstörung und Rettung. Sie vereint Motive aus ihrem autobiografischen Roman „Split Tooth“, in Deutsch erschienen unter dem Titel „Eisfuchs“, mit Kompositionen aus ihrem aktuellen Album „Saputjiji“ zu einer besonderen literarisch-musikalischen Form.Entführt wird das Publikum in ein Städtchen am Rande des Eismeers über dem Polarkreis. Tanya Tagaq erzählt von einem heranwachsenden Mädchen, das geprägt wird von der übermächtigen Natur und der sich auflösenden indigenen Gemeinschaft. Mit poetischer Kraft schildert Tagaq, wie das Kind in den Mythen der Inuit seine Wurzeln entdeckt. Unter Polarlichtern verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Natur, Zeit und Raum, und es beginnt eine Selbstsuche, die alte Wunden zu heilen vermag.Mit einer unheimlichen Wucht trifft diese Seelenlandschaft auf Tagaqs neuestes Album: „Saputjiji“. Militärische Codes, Beats und elektronische Schichtungen schneiden zerstörend durch die Szenen, werden wieder zerlegt, überlagert von Kehlkopfgesang, Atem und Stille. Saputjiji, in Tagaqs Muttersprache Inuktitut ein Wort für Beschützer, erscheint als Retter.Die Inuit wurden seit dem Kontakt mit europäischen Kolonialmächten einer Zwangssozialisierung ausgesetzt, unterdrückt und erleben erst seit einer Gesetzesänderung von 1982 verfassungsmäßige Gleichberechtigung.Tanya Tagaq durchforstet mit ihrer Stimme, ihrem Körper und ihrem Text das Leben wie geologische Schichten: grabend, freilegend, voller Widerstand. Ihr Kehlkopfgesang ist kein folkloristisches Zitat, sondern ihre zeitgenössische Praxis. In Zusammenarbeit mit Regisseurin Kaneza Schaal fand die Uraufführung im Februar auf dem diesjährigen PuSh International Performing Arts Festival in Vancouver statt.
Quelle: Die Theater Chemnitz