Der Amazonas trägt Gewalt und Widerstand in seinem Gedächtnis. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verwandelte der Kautschukboom den Regenwald im Dreiländereck von Kolumbien, Venezuela und Brasilien in eine Zone menschlicher Grausamkeiten. Von Abenteurer:innen und Verbrecher:innen in einen Geldrausch hineingezogen, wurden indigene Gemeinschaften versklavt und ausgebeutet. Diese Abgründe beschreibt der Kolumbianer José Eustasio Rivera 1924 in seinem bahnbrechenden Roman Der Strudel. Die eindringliche Produktion aus Kolumbien überführt Motive daraus in eine begehbare, installative Form. Bekannt für seine bildstarken Inszenierungen, entwickelt das Mapa Teatro aus Bogota ein Kaleidoskop aus Video, Texten und Situationen. In einer geschickten Dramaturgie ist der Roman präsent und doch geht es auf der Bühne vor allem um diejenigen, die darin nur am Rand vorkommen: die Mitglieder der Nukak, eine der letzten nomadischen Gemeinschaften Kolumbiens. Ihr Schicksal ist eng mit der Gewalt verbunden, die die Kautschukindustrie ausgelöst hat. Durch die mutige Entscheidung einer Gruppe von Nukak, an der Entstehung dieses Kunstwerkes mitzuwirken, ist ein außergewöhnliches Bühnenwerk entstanden.Als Vertreter:innen einer Kultur, die ständig um ihr Überleben kämpfen muss, gestalten sie dieses Kunstwerk aktiv mit und stehen live auf der Bühne. Umgeben von visuell beeindruckenden Videos werden die Zuschauer:innen hineingesogen in einen Traum, in dem Dokumente, Fiktionen und körperliche Eindrücke ineinanderfließen. Auch der Amazonas erscheint nicht als Kulisse, sondern als lebendiges Gegenüber und Zeuge des Lebens. Mit der Uraufführung dieser Produktion in Bogota wurde im Frühjahr 2025 ein Erweiterungsbau des Nationalen Zentrums für Kunst Kolumbiens eröffnet.
Quelle: Die Theater Chemnitz