So ein Spiegel ist schon eine verrückte Sache, denkt sich Alice — er dreht die vertrauten Dinge um, erlaubt einen Blick in eine zweite Welt, in der die Rückseiten der Gegenstände sichtbar sind, aber nicht ihre Vorderseiten — und wie mag das Haus hinterm Spiegel dort aussehen, wo der Blick durch den kleinen Ausschnitt des Spiegelrahmens nicht hinkommt? Vielleicht ist mehr zu sehen, wenn man ganz nah an die glatte Oberfläche rangeht?
Und — schwupps — wird das harte Glas durchlässig, und das neugierige Mädchen findet sich auf der anderen Seite wieder. Eigentlich sollte sie ja an skurrile Abenteuer mit verdrehten Menschen, Tieren und Pflanzen gewöhnt sein, hat sie doch schließlich im Wunderland schon einige merkwürdige Erlebnisse gehabt. Aber hier, hinter den Spiegeln, werden die Dinge nur noch merkwürdiger und merkwürdiger.
Nicht nur — das wäre ja fast zu erwarten gewesen — sind die Bücher in Spiegelschrift geschrieben, auch die Zeit ist seltsam verdreht, Erinnerung geht vorwärts statt rückwärts und wer mit Höchstgeschwindigkeit um sein Leben läuft, bleibt gerade mal so am selben Ort. Und dann scheint die ganze Spiegelwelt auch noch eine große Schachpartie mit sich selbst zu spielen, in der Alice kurzerhand als Bauer eingesetzt wird. Alice parliert mit Königinnen, trifft auf erfinderische Ritter, auf ewig streitende Geschwister, auch auf ein paar Bekannte aus anderen Abenteuern, und nicht zuletzt auf ein großes sprechendes Ei, dem die Sprache aufs Wort gehorcht.
1872, sieben Jahre nach dem Bestseller „Alice im Wunderland“, schrieb der Oxforder Mathematikdozent Charles L. Dodgson unter dem mittlerweile weltberühmten Pseudonym Lewis Carroll den zweiten Band „Alice hinter den Spiegeln“. Weit mehr als eine Fortsetzung, entführt die Geschichte in eine Welt voller Paradoxien, logisch-philosophischer Rätsel und liebenswürdig-skurriler Zeitgenossen.
Stephan Beer und
Georg Burger, seit 2014 als Regie- und Autorenteam eine feste Größe im Programm des Schauspiel Leipzig, holen nun zum mittlerweile neunten Streich aus — und beleuchten eine der ganz großen Figuren der Kinder- und Weltliteratur von ihrer zu Unrecht unbekannteren (Spiegel-)Seite.
Quelle: Schauspiel Leipzig