Mit eleganter Leichtigkeit gleiten gewaltige Schlachtrösser durch die Luft, gigantische Vögel ziehen ihre Kreise über Büsche, die wie eine Armee durch die bizarr schöne nordafrikanische Berglandschaft marschieren. Musik, Gesang und hinreißend rhythmisch skandierte Textpassagen in arabischer Sprache treiben die Vorrückenden an. Mit nur sieben Spieler:innen setzt der palästinensische Autor und Regisseur Bashar Murkus ein quirliges und farbenfrohes großes Welttheater in Bewegung. Das kleine und entschlossene Theater Khashabi aus Haifa bringt mit Al-Sirah Al-Hilaliyyah ein großes Epos auf die Bühne. Diese Wiederentdeckung ist für die Künstler:innen ein wesentlicher Bestandteil ihrer zeitgenössischen Arbeit an der arabischen Theaterkunst. In Al-Sirah Al-Hilaliyyah wird die Geschichte der Migration der Banū Hilāl Beduinen von der Arabischen Halbinsel nach Tunesien in Nordafrika erzählt. Aus der Vielzahl der Figuren seien einzig hier erwähnt: Abu Zayd al-Hilali, ein verstoßener Adliger, Anführer auf dem langen Weg, und Al-Jaziyya, eine einflussreiche Frau, die der Truppe politischer und moralischer Kompass ist. Für die kulturell sehr unterschiedlichen und territorial weit zu fassenden arabischen Volkstraditionen ist es das einzige Epos, das zu Hochzeiten oder privaten Feiern noch in seiner ursprünglichen musikalischen Form aufgeführt wird, begleitet von der Stachelgeige Rabab oder einem Perkussionsinstrument. Die alle Grenzen des Theaters überschreitende neue Interpretation strotzt vor Körperlichkeit und atemberaubenden Bildern. Die Mischung aus Konzert, visueller Performance, Theater und Tanz ist wie ein fröhlich beschwingter Karneval mit Live-Elektronikmusik. Tanz, große Puppen, Schattenspiele und wechselnde Hintergründe, geschaffen durch Licht und Farbe, liefern eine zeitgenössisch unterhaltende Übersetzung des Stoffes. Khulood Basel und Bashar Murkus gründeten 2015 gemeinsam mit einer Gruppe palästinensischer Theatermacher:innen das Khashabi Theatre in Haifa. Das Khashabi Theatre ist ein unabhängiges palästinensisches Theater, das sich für eine palästinensische Gesellschaft einsetzt, in der Kunst und Kreativität frei als grundlegendes Recht praktiziert werden können. Gleichzeitig strebt es danach, die kulturelle Identität zu erneuern, indem unabhängige Kultur in den Mittelpunkt gestellt wird.
Quelle: Die Theater Chemnitz