Die 18 Tage anhaltenden Demonstrationen und blutigen Auseinandersetzungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo im Jahr 2011 sind als ägyptischer Teil des „Arabischen Frühlings“ in die Weltgeschichte eingegangen. Die Kunst- und Kulturszene Ägyptens arbeitet heute, als hätten diese Ereignisse nie stattgefunden: Einzig harmlose Unterhaltungsformate und Seifenopern sind gefragt.In Before the Revolution beschäftigt sich der ägyptische Regisseur und Autor Ahmed El Attar nicht mit den Auslösern des Umsturzes von 2011. Er gibt vielmehr einen tiefen Einblick in die Gemütslage der Nation vor diesem eruptiven Moment. El Attar macht die gesamtgesellschaftliche Stagnationspürbar, die eine ungeheure Sehnsucht nach Veränderung zur Folge hatte. Er macht auch deutlich, dass in der ägyptischen Gesellschaft bisher noch keine ausreichende Verständigung darüber stattgefunden hat, wie diese Veränderungen nachhaltig gestaltet werden sollen.Zurückhaltend und dennoch impulsiv verarbeitet er Ereignisse, die vor der „Stunde Null auf dem Tahrir-Platz“ stattfanden: die Ermordung des bekannten Publizisten Farag Foda, die islamistischen Terroranschläge in Luxor und Scharm El-Scheich, den großen Eisenbahnunfall von Al-Ayyat, Fußballgesänge und religiöse Predigten bis hin zu Songs der jungen Musikstars Oka & Ortega.Begleitet vom Soundtrack des Musikers Hassan Khan bietet Before the Revolution ein Kaleidoskop von Eindrücken. Die Akteur:innen Nanda Mohammad und Ramsi Lehner stehen auf einem Nagelbrett und sprechen parallel in einer Art Wechselgesang zwei hochenergetische Monologe. Ihr virtuoses Sprechtheater macht diffuse Bedrohung spürbar, versucht aufzurütteln und beweist, dass die jüngere ägyptische Geschichte alles andere als eine Seifenoper ist.
Quelle: Die Theater Chemnitz