1948: Unabhängigkeit für Ceylon, das heutige Sri Lanka. Ein neues Land, ein neues Wir, ein neues Versprechen. Aber niemand weiß zu diesem Zeitpunkt so genau, was dieses neue „Wir“ eigentlich meint. Seit dem Ende des britischen Kolonialreichs besteht Sri Lanka nunmehr 70 Jahre als unabhängiger Staat. In etwas freier Übersetzung des Titels: „Ganz ehrlich, liebe Kinder ...“ beginnt eine Rückschau, deren besondere dramatische Qualität eine Verunsicherung ist. Stages Theatre Group, die seit 25 Jahren mit künstlerischen Aktionen, ungewöhnlichen Formaten und in stets wechselnden Konstellationen arbeitet, bringt in dieser Inszenierung Stimmen zu Gehör, die sich erinnern, ohne sich einig zu sein: Momente, die größer werden, als sie zunächst scheinen.Sieben Szenen, sieben Jahrzehnte. Keine lineare Erzählung, sondern eine Abfolge von Situationen, in denen sich Macht verschiebt, Zugehörigkeit neu verteilt und Gewalt langsam normalisiert wird. Statt historischer Erklärung liefert der Theaterabend ein für europäische Zuschauer:innen aufregend unbekanntes Mosaik aus Momenten, Bildern und körperlichen Zuständen in einer weitgehend ungewohnten Bildsprache: Ein Bus, der zunächst alle mitnimmt und am Ende nur noch wenige. Ein Tanz, der aus jugendlicher Energie entsteht und in blanke Zerstörung kippt. Und schließlich eine weibliche Stimme, alt und müde, die von Vertreibung erzählt, als gehöre sie zum Alltag.Das energetische und aus unterschiedlichen Talenten zusammengesetzte Ensemble ist dabei Motor und Gedächtnis zugleich. Wortkaskaden verdichten historische Einschnitte, die sich in körperliche Bilderwelten verwandeln, dabei nicht illustrieren, sondern aufeinander reagieren. Die Bühne ist ein beweglicher Ort, wandelbar, immer bereit, in eine neue Realität zu kippen. Szenen entstehen und zerfallen schnell, manchmal brutal. Humor blitzt auf, um sofort wieder zu verschwinden. Hoffnung wird sichtbar, ist aber nie sicher.Dear Children, Sincerely … 7 Decades of Sri Lanka erzählt Sri Lankas Geschichte nicht aus einer Distanz. Die Künstler:innen lassen uns diese miterleben, aus ihrer Mitte heraus.
Quelle: Die Theater Chemnitz