Eine Frau wirft ein Bonbonpapier auf den Boden. Das reicht. Eine Polizeikontrolle, eine Festnahme, eine Nacht in Gewahrsam. Der Vorwurf ist banal, die Konsequenz nicht. Ihr Körper wird fixiert, befragt, reduziert. Ordnung wird durchgesetzt. La Grande Ourse, deutsch „Die Große Bärin“, beginnt dort, wo staatliche Macht alltäglich wird.Die Autorin Penda Diouf hat ihre Wurzeln im Senegal und in der Elfenbeinküste. In Frankreich lebend, schreibt sie keine Metapher für Gewalt, sie beschreibt deren Mechanismen: Überwachung, Disziplinierung, Beschämung, vollzogen an einer Frau. Sie wird beobachtet und bewertet. Der dichte Text lässt keine Distanz zu, er bleibt nah am Körper, an der Stimme. Dioufs Schreiben setzt dort an, wo Sprache oft versagt: bei Scham, Wut, Kontrollverlust. Im Stück beginnt die Frau zu hören, was unter der Oberfläche liegt. Der Körper verändert sich. Die Wut nimmt Gestalt an. Die Frau wird zur großen Bärin.Penda Diouf ist eine der eindringlichsten Stimmen der jungen Dramatik aus Frankreich. In ihrem Stück verbindet sie politische Gegenwart mit mythischem Denken. Polizeigewalt, Überwachung, institutioneller Rassismus und Misogynie sind keine abstrakten Begriffe, sondern konkrete Erfahrungen eines Körpers, der gedemütigt wird. Dioufs literarische Wut wirkt hier nicht zerstörerisch, sondern produktiv. Sie ist Energie, Orientierung und Schutz. Frankreich verfügt über eines der präsentesten Polizeisysteme Europas. Zugleich sind Debatten über Polizeigewalt, institutionellen Rassismus und staatliche Kontrolle seit Jahren zentraler Bestandteil öffentlicher Auseinandersetzungen.Inszeniert von Anthony Thibault entfaltet sich der Text in einem reduzierten Raum, tritt vom Alltag über in eine märchenartige Erzählung. In ihr wird die Frau stets begleitet von einem Griot, dem westafrikanischen Übermittler von schlechten Nachrichten, der das, was geschieht, kommentiert.Thibault und Diouf gründeten in Frankreich das Label „Jeunes textes en liberté“, unter dem zeitgenössische Theatertexte gefördert werden. Sie setzen sich für Diversität und Parität im Theater ein.
Quelle: Die Theater Chemnitz