Ein Tisch – das ist das ganze Bühnenbild für Mezok. Mit ihm, an ihm, auf und unter ihm entfaltet die indische Autorin und Regisseurin Jyoti Dogra ein zeitgenössisches Drama um die Welt der Arbeit und der oft damit verbundenen Migration. Der Tisch ist Arbeitsplatz, Grenze, Behörde, Durchgang. Er ist täglicher Treff- und Erfahrungsort für Millionen von Arbeitssuchenden in der Metropole Mumbai. Der Tisch ist ein Objekt, welches Bewegungen strukturiert, Körper festhält, Menschen scheitern und weiterziehen lässt.Mezok ist der Name eines erfundenen Berges. Er steht für das, was Menschen mit sich herumtragen: Erwartungen oder Hoffnungen auf ein besseres Leben. Während Formulare, Nummern, Ausweise und Genehmigungen den Alltag äußerlich regeln, bleibt dieser innere Berg im Stück unbeweglich. Das fulminante indische Ensemble aus Mumbai setzt diese konträren Dynamiken körperlich hinreißend um. Mit reduzierten Gesten, Stimmen, Atem und wiederkehrenden Abläufen entwerfen die Spieler:innen ein Bild von Systemen, die funktionieren, während Menschen darin festhängen.Die Aufführung besticht durch eine Aneinanderreihung von Situationen, lose gestreuten Momenten, die unerbittlich den Drang nach einem besseren Leben aufblitzen lassen. Die Szenenfolge lässt ständig Aufbruch spüren, Neuanfang, aber auch das schmerzliche Zurücklassen. Die Helden im Stück sind junge Männer, die in den Städten Uber fahren, und daheimgebliebene Frauen, die sich aufreiben zwischen Warten, Hoffnung und Abstinenz. Die konzentrierte Inszenierung lässt ihre Körper zur sichtbaren Schnittstelle zwischen persönlichem Streben und anonymer Verwaltung werden. Ein künstlerisch eindrucksvoll transportiertes Bild. Im wirtschaftlich und politisch aufsteigenden Indien, dem Land mit der größten Bevölkerung der Erde, lässt die Geschwindigkeit des Alltags die Menschen oft ihre Menschlichkeit vergessen.
Quelle: Die Theater Chemnitz