Eine Gruppe Menschen irrt durch einen Bühnenraum. Dieser verändert sich ständig. Die Zuschauer:innen verfolgen die verzweifelte Suche der Verirrten mit Spannung und könnten vermuten, dass die Menschen blind sind. Mitgeteilt wird dies nicht. Offensichtlich weiß die Gruppe nicht, wo sie sich befindet. Oder doch?Der Titel Speak So I May See You, auf Deutsch „Sprich, damit ich dich sehen kann“, lädt in ein originelles Setting und ist Spielanleitung. Sehen oder nicht sehen (können)? Hören und nicht hören (können)? Der saudi-arabische Theatermacher Yousef Ahmed Alharbi bietet eine theatrale Versuchsanordnung, in der die Verwirrung zwischen Wahrnehmung und Wahrheit, Täuschung und Enttäuschung Triebfeder einer tragischen Handlung ist. Er untersucht so spielerisch die Steuermechanismen, die zur Bildung von Hierarchien, Ordnungen und letztlich autoritär geführten Machtvertikalen angewendet werden.Ob das Publikum eine Parabel über blinde Gefolgschaft und die Gefahren erlebt, die das Auslagern von Verantwortung mit sich bringt – oder eben ganz das Gegenteil, ist Interpretationsrahmen.Dass die Zuschauer:innen eine andere Welt wahrnehmen als die Menschen auf der Bühne, ist ein ebenso einfach inszenierter wie verblüffend wirkender Theatermoment. Entstanden ist die außergewöhnliche Arbeit in Saudi-Arabien, einem Land, dessen Theaterkultur in Europa bisher fast unbekannt ist. Dass Saudi-Arabien als autoritär geführtes Land gilt, ist bekannt. Die Inszenierung will Ungesehenes über Menschen erlebbar machen, aus einem Land, das für Reisende erst vor wenigen Jahren zugänglich geworden ist.
Quelle: Die Theater Chemnitz