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Der Lautprozessraum, den Carlfriedrich Claus erstmals 1995 in den Kunstsammlungen Chemnitz installierte, kann in vieler Hinsicht als Höhepunkt seines akustischen Werks gelten. In ihm kulminieren die früheren Arbeiten, von den frühen Sprechexerzitien 1959 über die Klanginstallationen zur Bewußtseinstätigkeit im Schlaf der 1980er Jahre bis hin zum vierzigminütigen Lautaggregat, das Claus 1993 beim Westdeutschen Rundfunk als komplexe Studioarbeit produzierte.
Anhand von zahlreichen Tonbeispielen soll der Werkzusammenhang dieser „experimentellen Existenz in experimenteller Arbeit“ dargestellt werden, die ausgehend von Annaberg-Buchholz zu einem Bezugspunkt der internationalen akustischen Kunst werden sollte. Die „allmähliche Verfertigung der Laute beim Sprechen“ steht dabei immer auch in enger Beziehung zu den handschriftlichen Sprachblättern und den poetologischen, naturphilosophischen und erkenntnistheoretischen Betrachtungen Claus‘.
Im Gespräch mit der Hörspielregisseurin Iris Drögekamp soll im zweiten Teil der Veranstaltung die Bedeutung von Claus‘ Werk für die internationale akustische Kunst erkundet werden. Der Karl-Sczuka-Preis des Südwestrundfunks, die renommierteste internationale Auszeichnung für Radiokunst, hat die Entwicklung unterschiedlicher akustischer Spielformen seit den 1960er Jahren begleitet, reflektiert und dokumentiert. Preisträger waren unter anderem bekannte Kunstschaffende wie Luc Ferrari, John Cage, Mauricio Kagel, Gerhard Rühm oder Friederike Mayröcker.
Im Gespräch werden Ausschnitte aus dem aktuellen Preisträgerwerk apeiron von Leona Jones vorgestellt. Sie können als Ausgangspunkt für die folgende Diskussion dienen: Welche Rolle spielt das akustische Werk von Carlfriedrich Claus in der Geschichte der akustischen Literatur? Und welche Bedeutung haben Claus‘ experimentelle Praxis, seine theoretischen Schriften und seine Lautprozesse für die Bewertung neuer akustischer Kunst in der Gegenwart?
Michael Grote studierte an der Universität Bielefeld und wurde mit einer Dissertation zur akustischen Literatur von Carlfriedrich Claus promoviert („Exerzitien, Experimente. Zur akustischen Literatur von Carlfriedrich Claus“, Aisthesis Verlag, 2009). Seit 2002 lebt er in Norwegen als Dozent für germanistische Literaturwissenschaft, seit 2014 arbeitet er an der Universitätsbibliothek Bergen.
Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der experimentellen Literatur des 20. Jahrhunderts, der Geschichte und Theorie autobiographischen Schreibens in der Moderne sowie medienästhetischen Fragen der Literaturwissenschaft. Seit 2010 ist er Mitglied der Jury des Karl-Sczuka-Preises für Radiokunst, und seit 2020 gehört er zudem der Jury des Preises der Deutschen Schallplattenkritik an.
Iris Drögekamp studierte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und an der Universität Hamburg. Arbeitet seit 2001 für die ARD als Autorin/ Dramaturgin/ Regisseurin. Seit 2007 Lehraufträge/ Workshops für Hörspiel und Akustische Kunst u.a. an der HfG Karlsruhe, Muthesius Kunsthochschule Kiel, Universität zu Köln, FH St. Pölten, Akademie für Darstellende Kunst BW. Seit 2021 ist sie mit der Leitung des Sekretariats für den Karl-Sczuka-Preis beauftragt.
Iris Drögekamp realisierte eine große Zahl von Produktionen beim SWR, unter anderem gemeinsam mit Oswald Egger, Ulf Stolterfoht und Marcel Beyer. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, so etwa mit dem Deutschen Hörbuchpreis, dem Europäischen CIVIS-Radiopreis und dem Karl-Sczuka-Preis.
Eintritt: 6 Euro
quelle: kunstsammlungen-chemnitz.de