Die Wahrheit, an die wir uns zu erinnern versuchen, ist sehr fragil und nicht selten eine Frage der Perspektive. Erinnerungen spielen uns oft einen Streich, insbesondere wenn sie durch Krieg, Gewalt und traumatische Erlebnisse geprägt sind. Deswegen ist es gut, ein großes Heft zu haben, in dem man alles notieren kann. So tun es die Zwillinge, die keine Namen haben, sondern sich ausschließlich als „Wir“ bezeichnen. Sie werden von ihrer Mutter zur Großmutter aufs Land gebracht, um dort in Sicherheit zu sein. Die Großmutter ist eine kalte, hartherzige Frau, die die Kinder schlecht behandelt und sie zur harten Arbeit zwingt. Im Dorf erleben die Zwillinge Armut, Gewalt, Hunger und den täglichen Schrecken des Krieges. Um in dieser brutalen Umgebung irgendwie zu überleben, beschließen die Brüder, sich emotional abzuhärten und abzuspalten. Sie entwickeln strenge Regeln und führen Übungen durch, mit denen sie Schmerz, Angst und Mitgefühl unterdrücken. Ihre Erlebnisse und Beobachtungen halten sie gemeinsam in einem Heft fest. Dabei schreiben sie bewusst nüchtern und ohne Gefühle, nur das, was sie als Tatsache betrachten. Die Zwillinge werden Zeugen von Grausamkeit, Verrat und moralischem Verfall. Und langsam werden sie selbst zu Menschen, die moralische Grenzen überschreiten, denn sie wollen mit aller Kraft irgendwie überleben und ihre Unabhängigkeit bewahren. Der Roman endet offen und fungiert als Auftakt zu den beiden Fortsetzungsromanen Der Beweis und Die dritte Lüge. Die darin geschilderten Ereignisse lassen Zweifel daran, wie zuverlässig die erzählte Geschichte ist. Vielmehr lassen sie schmerzlich spüren, welche Folgen der Krieg für die Identität und Menschlichkeit der Kinder – ja aller Menschen – hat.
Quelle: Die Theater Chemnitz