Ein Fluss teilt die Landschaft. Eine Eisenbahnlinie schneidet durch Berge. Etwas muss hindurch, obwohl großer Widerstand da ist. KUSTE bedeutet in der Ainu-Sprache der indigenen Bevölkerung Nordjapans so viel wie „etwas durch einen Ort hindurchgehen lassen“.Genau davon erzählt dieser sensorische Theaterabend. Die Bühne wird erfüllt von einer stillen Bilderwelt. Atmosphären laden ganz einfach zum Staunen und Beobachten ein. Die Zuschauer:innen treffen auf die Geschichte und das Leben der Ainu, deren Schicksal eng verbunden ist mit modernen Infrastrukturprojekten, die Landschaften erschließen und zugleich indigene Lebensweisen verdrängen.Im Zentrum des Abends steht die Recherche über Kaneto Kawamura, den Großvater der auf der Bühne stehenden Performer:innen Mayunkiki und Rekpo. Ein Anführer der Ainu in Asahikawa und Vermessungsingenieur bei der Japanischen Staatsbahn. Er leitete den Bau eines der schwierigsten Eisenbahnprojekte seiner Zeit: der Sanshin-Eisenbahn, die durch die steilen Schluchten des reißenden Tenryu-Flusses führt, der von Nagano durch die Region Oku-Mikawa in Aichi fließt, bevor er in Shizuoka ins Enshu-Meer mündet. In KUSTE erscheint dieser Bahnbau als Eingriff in Land, Kultur und Erinnerungen, nicht als Fortschritt.Der Theaterabend behandelt diesen Bruch nicht erzählerisch, die Bilderwelt reflektiert durch Materialien und Klänge, rudimentäre Projektionsformen erzeugen topografische Linien. Dabei werden Schatten zu Spuren und Musik und Stimmen zu Trägern von Geschichte und Leben. Sprache taucht fragmentarisch auf, in Ainu und Japanisch, bleibt aber stets Teil eines größeren klanglichen und visuellen Gefüges. Nicht nur Menschen treten auf. Auch eine Modelleisenbahn zeichnet großartige, bewegte und bewegende Bilder auf eine Wand. Diese Dynamik, kombiniert mit der reduzierten Ästhetik, ist eine theatrale Spezialität des interdisziplinären Kollektivs Mayunkiki+ und markiert zugleich dessen internationales Debüt unter diesem Namen. Ihre Inszenierung eröffnet neue Wege, Geschichte wahrzunehmen und sich an sie zu erinnern. Sie entstand als Auftragsarbeit der internationalen Aichi Triennale 2025, einem der richtungsweisenden Kunstfestivals in Japan.
Quelle: Die Theater Chemnitz