Victor ist über achtzig Jahre alt. Er ist da, auf der Bühne mit seinen Kindern zusammen, und zugleich hat er sich schon längst auf den Weg gemacht, alle zu verlassen. Der argentinische Autor und Regisseur Juan Pablo Gómez hat mit Los bienes visibles, übersetzt „Die sichtbaren Dinge“, einen berührenden Theaterabend über das Abschiednehmen entwickelt. Dem Thema nähert er sich nicht über Handlung, Geschichte oder Psychologie, sondern über Klang, Geräusche, Lieder und Pausen.Zu erleben ist ein akustisches Setting, in dem selbst Sehen zweitrangig wird. Verlassen können sich die Zuschauer:innen auf ihre Ohren, vielfältiger Klang führt durch Situationen. Auch Worte sind zu hören, sie brechen ab, werden getragen von Atem, Gesang und Stille. So wird lebendig vermittelt, wie sich der Vater aus einer gemeinsamen Gegenwart herausbewegt, während die Kinder versuchen, ihn fest- und in ihrer Nähe zu halten. Es ist der Prozess einer langsamen Akzeptanz des Entfremdens, das doch als natürliche Tatsache zu erleben ist.Begleitet von Tönen aus einem Sampler, von Instrumenten und den Stimmen dreier Sänger:innen, bewegen sich alle Spieler:innen im Raum. Sie wandern, wenden sich und wechseln die Positionen. Sie steigen auf Podeste, auf denen ein Teil des Publikums sitzt, während die übrigen Zuschauer:innen auf Stühlen im Raum verteilt sind. So vereinen sich die Künstler:innen mit dem Publikum.Juan Pablo Gómez’ aufwühlende Stücke handeln über das Erwachsenwerden, über gescheiterte Elternschaft und über die Erfahrung, die eigenen Eltern zu verlieren. Los bienes visibles richtet den Blick auf „die Dinge“, die sichtbar waren und nun verschwinden. Und auf das, was sich gerade deshalb neu formt.
Quelle: Die Theater Chemnitz